Gesamtschulen kommen auf Tour zurück
Lieber Betten machen oder einen Fernsehspot über das Thema Verhütung moderieren? Von dieser Entscheidung könnte eine Berufswahl abhängen. Bei dem dreitägigen Projekt „komm auf Tour“ in den Arrenberg’schen Höfen sollen Schüler bei einem Erlebnisparcours ihre Stärken entdecken und so im besten Fall ihre Zukunft besser planen lernen.
„Die Schüler wissen bisher gar nicht, dass sie Stärken haben.“
Dirk Rasel, Sprecher der Wuppertaler Hauptschulen
Das geht so: In vier Stationen wählen die Jugendlichen Aufgaben und bekommen Talentpunkte für ihre Entscheidung und Durchführung. Beim Betten machen etwa soll eine Hälfte ordentlich, die andere kreativ gestaltet werden. Dafür bekommen die Schüler einen Büroklammer- und einen Feuerwerks-Sticker auf ihre Kleidung geklebt.
Hinter kryptischen Titeln wie „Shoppen“ verbergen sich oft unerwartete Aufgaben. „Einkaufen spricht vor allem Mädchen an. Dann sollen sie aber ein Rohrsystem aufbauen. So werden sie dazu animiert, auch Berufe jenseits der traditionellen Frisörin in Betracht zu ziehen“, sagt Karin Hoeltz vom Gesundheitsamt.
Dirk Rasel, Sprecher der Wuppertaler Hauptschulen, sagt: „Die Schüler wissen bisher gar nicht, dass sie Stärken haben. Ihnen wird immer das Gegenteil vermittelt, wenn sie gar nicht erst zu Vorstellungsgesprächen eingeladen werden.“ Deshalb erhofft er sich von dem Projekt, dass die Jugendlichen Perspektiven für die eigene Zukunft entwickeln.
Die Schüler sollen nachspielen, wie ein Russlanddeutscher sich bewirbt
Bei der Station „Labyrinth“ geht es um Orientierung – die Schüler bekommen Punkte für Hilfsbereitschaft, wenn sie ihren Partner mit Augenbinde durch ein Metallgehäuse lotsen. Auf einer Bühne gibt es Punkte für Redegewandtheit, wenn Szenen wie „Ein Russlanddeutscher bewirbt sich“ oder „Ein Schüchterner verliebt sich“ nachgespielt werden. Coole Jungs ziehen lange Perücken über ihr Rapper-Outfit, Hoeltz ist begeistert: „Lehrer sagten mir, hier kommen Schüler aus sich heraus, die im Unterricht schweigen.“ Am Ende werden alle Punkte gesammelt und Berufen zugeordnet. Wer etwa ordnungsbegabt ist, könnte Lagerlogistiker werden, wer kreativ ist, Stuckateur.Bei „Komm auf Tour“ geht es jedoch nicht allein um die Berufsfindung. „Viele Mädchen sagen zu mir: ’Wozu brauche ich eine Ausbildung. Ich seh zu, dass ich schwanger werde’“, sagt Hoeltz. Das ist erschütternd wenig. Im für die Aktion aufgebauten „Zeittunnel“ werden deshalb per Beamer Zukunftsvisionen an die Wand projiziert. Dabei lernen die Schüler, wie Familien- und Berufsplanung zusammenhängen. Und dass man für den Wunsch einen Mercedes zu fahren, zuvor erst mal etwas leisten muss.
WZ vom 19.04.2008