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Kunst | Begegnungen 1.05



Georg Janthur
Postoperative Malerei

Ausstellungsdauer:
6. November 2005 - 2. Januar 2006


Öffnungszeiten:

Freitag
Sonntag
18.00 - 20.00 Uhr
14.00 - 16.00 Uhr

Weitere Öffnungstermine wegen reger Nachfrage:
Sonntag, 8. Januar und Sonntag, 15. Januar 2006


Georg Janthur
Postoperative Malerei

Der Titel der Schau „Postoperative Malerei“ mit Bildern von Georg Janthur bezieht
sich darauf, daß der Maler nach einer Operation längere Zeit an diesem Ort hier ­ dem „Arrenberg“, wie der Wuppertaler sagt ­ als Patient verbrachte. Zugleich ist der Titel Hinweis auf sein künstlerisches Werk, das stets seinem Leben und den Orten, an denen er sich aufhält, verbunden bleibt.

In seiner täglichen Umgebung zu Hause und auf Reisen sammelt Janthur seine Motive. Zu diesem Zwecke trägt er stets Skizzenbücher bei sich, um Dinge seiner Umgebung festzuhalten. Die Gegenstände, die auf den Bildern zu erkennen sind, fand der Künstler an drei verschiedenen Stationen: in seinem Wuppertaler Atelier, auf Reisen in Tartu (Estland) und in St. Tropez. Künstler, die Reiseeindrücke wiedergeben, haben in der Kunstgeschichte Tradition, denken Sie nur an Gaugin und die Südsee, oder an William Turner und den Rhein. Oder auch an August Macke und Paul Klee, auf deren Spuren Janthur wandelte und nach Nordafrika reiste, um diese berühmte Reise nachzuerleben und zu malen. Allerdings interessierten ihn im Gegensatz zu seinen Vorbildern eher banale Motive. Auch auf seiner Reise in die Provence skizzierte der Maler Dinge, „die Cezanne übersehen hatte“, so Georg Janthur. Was uns der Künstler von seinen Reisen mitgebracht hat, sind keine Ansichten estnischer Landschaften oder einen malerischen Blick auf den Hafen von St. Tropez. Der Maler portraitiert Alltagsgegenstände, wie Kaffeetassen, Flaschendeckel und Wäscheklammern. Profane Dinge werden solitär dargestellt und aus ihrer Umgebung herausgerissen. Schwerelos schweben sie im monochromen Bildraum und werden so zu etwas Besonderem. Der Maler fokussiert unseren Blick auf das Banale und nennt diesen Prozess des Wertewandels „Kultivator“. Georg Janthur skizziert die Objekte mit schnellem Pinselgestus und reduzierter Farbigkeit. Er nimmt also keine photo-realistische Analyse vor, wie etwa Konrad Klapheck mit seinen Schreibmaschinenportraits. Trotzdem erfasst er das Wesen der Dinge und ihr Sein und verleiht ihnen Größe und Wichtigkeit.

Dabei verdreht Janthur Proportionen als Mittel der Verfremdung. Eine kleine Metallöse etwa überragt eine Kaffeekanne und wächst zu monumentaler Größe. Die Dinge werden egalisiert, die Hierarchie der Gegenstände komplett aufgehoben. Alles schein-bar Triviale wird BESONDERS und ERHABEN. Betrachten wir die Dinge, die aus ihrer Umgebung herausgelöst wurden, so stellt sich die Frage, ob wir die Gegenstände, die wir hier sehen ihren Ursprungsorten zuordnen können. Wir können es nicht, nichts ist ortstypisch, nur der Maler weiß, dass die abgebildete Rasierwasserflasche aus Estland stammt. Und die kleine Tierfigur ein Mitbringsel aus Mexiko ist, die nun in seinem Atelier in Elberfeld steht.

Globalisierung ­ auch in der Motivwelt Georg Janthurs.

Wo mag der Maler einen Revolver entdeckt haben? In einer dunklen Kneipe in Tartu? Vor einem Spielkasino in St. Tropez? Er liegt in seinem Atelier in der Kieler Strasse, ist in Wirklichkeit knallig pink und aus Plastik. Unwillkürlich versucht der Betrachter die Gegenstände in einen narrativen Zusammenhang zu bringen. Doch der Revolver entpuppt sich als harmlos, alles Fake ­ ein Spiel mit Bild und Abbild, Sein und Schein. Janthur verfremdet die Gegenstände nicht nur in der Proportion und verändert sie farblich, er vereinfacht sie, reduziert alles auf wesentliche Formen und überführt sie so auch in die Abstraktion. Gertrude Stein hat mit ihrem berühmten Satz „A rose is a rose is a rose is a rose“ Aussagen über die Metaphysik der Existenz gemacht, die auch für die Objekte auf Janthurs Bildern gelten. Die Dinge möchten nicht mehr und nicht weniger als einfach nur SEIN und wahrgenommen werden. Was wir hier sehen und erleben ist allerdings eine weitere Ebene der Existenz, denn natürlich handelt es sich bei allen Gemälden nur um Abbilder der realen Gegenstände. Wir sehen nicht das Küchenmesser, sondern das Bild eines Küchenmessers. Und damit fordern nicht nur die abgebildeten Dinge selbst unsere Wahrnehmung, sondern vielmehr das zwei-dimensionale Bild, das der Künstler von ihnen produziert hat. Ein einfacher Salzstreuer wird zur Kunst und tritt in einen Dialog mit uns, der auf höherer Ebene stattfindet. Ganz direkt findet auch der Dialog mit den „Zaungästen“ statt, den kleinen Holzfiguren, die aus dem Sockel, einem alten Zaunpfahl, herausgeschnitzt wurden und sich aus dem Sockel herauswachsend selbst erhöhen.

Das Haus 8 wird auch in Zukunft Kunst präsentieren und darum ein Ort des Dialogs und der Kommunikation sein, denn nur davon lebt sie. Also ein Kontrastprogramm zum Schlaflabor obendrüber. Georg Janthur hat mir vor kurzem erzählt, dass es eine Phase in seiner Jugend gab, in der er gerne Rocker geworden wäre. Ich denke, wir sind froh, dass er sich das anders überlegt hat und Maler wurde. Und dass er hier am Arrenberg durch eine Operation wieder gesund wurde, um uns auch in Zukunft die Welt, in der wir leben, mit dem Pinsel nahe zu bringen.

Gisela Elbracht, Museum Baden, Solingen


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